Manipulierte Umfragen in Gratisblatt hat Vertrauen in Medien beschädigt

Nach Bekanntwerden der Inseratenaffäre konnten Meinungsforscher:innen erstmals die Auswirkungen auf die Medienbranche untersuchen. Kollateralschaden war das Vertrauen in Österreichs Medien. Es gibt aber auch einen Lichtblick.

Eine Untersuchung des Medienhauses Wien zeigt die Auswirkungen der Inseratenaffäre rund um Sebastian Kurz, die Medien von Wolfgang Fellner und die der Umfragefirma Research Affairs. Obwohl nur ein Medium unter dem Verdacht steht manipulierte Meinungsumfragen und dazu passende Berichterstattung im Gegenzug für Inserate veröffentlicht zu haben, sinkt das Vertrauen in die ganze Branche. Konsument:innen nehmen Inserateschaltungen für gesteuerte Berichterstattung laut dieser Erhebung nicht als Einzelfall wahr, sondern als gängige Praxis. „Da haben wir ein problematisches Bild“, meint Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien, das die Erhebung zusammen mit dem Gallup-Institut durchgeführt hat.

Warum das wichtig ist: Der Journalismus hat in einer demokratischen Gesellschaft eine wichtige Funktion, deshalb wird sie oft als „vierte Säule“ der Demokratie beschrieben. Journalismus soll die Mächtigen kontrollieren und Missstände aufzeigen und den Bürger:innen davon berichten. Nur so können Bürger:innen bei Wahlen eine informierte Entscheidung treffen – und nur so können sie auch wirklich demokratisch mitwirken.

Vorgänge, wie vermutete ausgemachte Berichterstattung, beschädigt das Vertrauen, das Bürger:innen brauchen. Die Folgen: Menschen schenken Verschwörungstheorien, Agenda- oder Propagandamedien ihr Vertrauen und werden Opfer von Falschinformation.

Die Ergebnisse der Erhebung: 1.000 Personen wurden online rund ums Thema Inseratenaffäre befragt. Die Ergebnisse spiegeln laut Gallup Institut die Bevölkerung über 16 Jahren wieder, die im Internet aktiv ist.

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  • Wir haben eine Frage gestellt, die ans Eingemachte geht", so Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien über die Frage nach Käuflichkeit des Journalismus. 57 Prozent der Befragten glauben, dass man eine Mehrheit oder überhaupt alle privaten Medien "kaufen" kann, um die Berichterstattung zu bestimmen. Nur drei Prozent sind der Meinung, dass das gar nicht möglich ist. "Bestenfalls können wir hoffen, dass es eine Momentaufnahme ist, die sich aus der Inseratenaffäre ergibt", so Kaltenbrunner weiter.
  • Nur 45 Prozent der Befragten glauben, dass die meisten Medien "möglichst objektiv" berichten und "sich journalistisch um Aufklärung bemühen". Denen stehen 48 Prozent gegenüber, die dem nicht zustimmen wollen. "Dieser Befund ist bedenklich", so die Gallup-Institutsleiterin Andrea Fronaschütz.
  • Aus der Befragung gehen aber auch Forderungen hervor: 58 Prozent erwarten sich eine transparentere und begründetere Inseratenvergabe durch öffentliche Stellen. Immerhin 50 Prozent erwarten sich eine Neuaufstellung der Medienförderung und Inseratenvergabe.
  • Diese Medienförderung soll sich an der Qualität der Medien orientieren, meinen 72 Prozent und 74 Prozent sprechen sich für eine Kopplung an Regeln einer guten Praxis - sprich die Selbstregulierung durch den Presserat - aus. "Bei einer Kopplung an Größe und Reichweite drehen sich die Ergebnisse fast um", so Fronaschütz. Tatsächlich sprechen sich 42 Prozent gegen die Förderkriterien Reichweite und Größe aus.
  • "Das Vertrauen in österreichische Medien und den Journalismus allgemein wird sinken, sagt ein Drittel der österreichischen Bevölkerung", so Fronaschütz. Darüber hinaus glaubt fast die Hälfte, dass das Vertrauen in bestimmte Medien sinken werde.
  • Schon bei einer Befragung im Februar sprachen sich 67 Prozent der Befragten gegen die Eigenwerbung der Bundesregierung aus, nach der Inseratenaffäre um Kurz waren es im Oktober schließlich 82 Prozent. "Eine deutlichere Steigerung kann man kaum festmachen", so Fronaschütz.
  • Die Erhebung des Medienhauses Wien und des Gallup Instituts hat aber auch etwas Gutes gefunden: Den Wert des unabhängigen Journalismus für eine demokratische Gesellschaft sehen 88 Prozent der Befragten. Ein Wert, der trotz Inseratenkorruption stabil geblieben ist. "Die Bedeutung des Journalismus hat in der österreichischen Bevölkerung den gleichen Stellenwert wie Anfang des Jahres", so die Studienautor:innen. Ob Österreichs Medienlandschaft das auch leistet, werde aber im Moment skeptisch beobachtet, so Kaltenbrunner abschließend.