Korruption als Öl für den Motor oder doch Sand im Getriebe?

Obwohl sich Wissenschaftler:innen großteils einig sind, hält sich die These vehement, dass Korruption gut für die Wirtschaft sein könnte. Ein deutsches Forscherteam hat die Auswirkungen von Korruption auf das Wirtschaftswachstum berechnet.

Ist unsere Wirtschaft nun ein Motor, der geölt werden muss oder doch ein Getriebe, in das kein Sand kommen sollte? Das sind die zwei Ansätze, mit denen sich nicht nur die Wissenschaft beschäftigt. Die erste Metapher dient vor allem als Rechtfertigung: Korruption sei nicht so schlimm, weil sie positive Effekte auf Betriebe und Wirtschaft hat. 2016 wurde sogar berechnet, dass Korruption in Südkorea und osteuropäischen Ländern positive Effekte auf das Wirtschaftswachstum gehabt hat. In der Forschung gibt es dazu zwei gegensätzliche Theorien:

  1. „Grease the Wheels“: Korruption hat einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum, weil ineffiziente Regelungen eines Landes umgangen werden können, Aufträge vergeben werden und Geld in der Wirtschaft ankommt.
  2. „Sand the Wheels“: Korruption führt zu ineffizienter Produktion und fehlender Innovation, weil es keinen echten Wettbewerb gibt. Darunter leidet das Wirtschaftswachstum – und die betroffenen Bewohner:innen des Landes.

Als die FPÖ 2017 die Wahlkampfkostenobergrenze um mehrere Millionen Euro überschritten hat, meinte Herbert Kickl: „Es ist ja nicht so, dass dieses Geld nicht auch irgendwo ankommen würde, wo ein Nutzen dann auch wieder in Österreich entsteht.“ Geld, das in die Wirtschaft fließt, ist also immer gut, scheint seine These zu sein. Ob das auch für Korruption gilt, haben sich Forscher:innen des deutschen ifo Instituts schon 2019 genauer angesehen. Deren Ergebnis: nein, ganz im Gegenteil.

Korruption kostet uns Milliarden

Eine komplexe Untersuchung von Klaus Gründler, Niklas Potrafke und Timo Wochner konnte schon 2019 belegen, dass Korruption keinen Motor ölt, sondern das Getriebe der Wirtschaft langfristig zum stottern bringt. Sie haben den Corruption Perceptions Index von Transparency International in ein Verhältnis zum Wirtschaftswachstum gebracht. Am Ende der langen Formeln steht eine beeindruckende Zahl: 17. Um so viele Prozentpunkte sinkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also die wirtschaftliche Leistung eines Landes – pro Kopf durchschnittlich durch Korruption.

Weltweit drückt Korruption das BIP pro Kopf um 17 Prozentpunkte.

Korruption habe „insbesondere in Ländern mit niedrigen Investitionsraten und schlechter Regierungsführung einen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum“, kamen schon unterschiedliche Studien zwischen 2016 und 2019 zum Schluss. „Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt in Autokratien sowie in Ländern, in denen die Regierung kaum die Fähigkeit besitzt, ihre Politiken umzusetzen und die Bürger ebenso geringes Vertrauen in diese Fähigkeit der Regierung haben“, fasst die Studie des ifo Instituts die Ergebnisse zusammen.

Gefestigte Institutionen schützen

Die Untersuchungen zeigen auch, dass Demokratien weniger anfällig für Korruption sind. Das hängt wesentlich von den politischen Institutionen ab: Je gefestigter, desto geringer sind die wirtschaftlichen Auswirkungen von Korruption zu spüren. Österreich ist im Corruption Perceptions Index auf Rang 15, hinter Ländern wie Neuseeland, Schweiz, Singapur, Deutschland oder Kanada. Korruption ist hier also zu gering, um das Wirtschaftswachstum groß zu beeinflussen. Klaus Gründler, einer der Autoren der Studie, meint zu den Ergebnissen von Österreich: “ Der langfristige Wachstumseffekt beträgt 0,8% des realen BIP pro Kopf.“ Soll heißen: Korruption hat auch bei uns negative Auswirkungen, sie sind aber geringer, weil Korruption im internationalen Vergleich ein relativ geringes Ausmaß einnimmt.

Und trotzdem:

  • Der Linzer Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider berechnete für 2017 einen Schaden für die österreichische Wirtschaft von 27 Milliarden Euro.
  • Im gleichen Jahr hat die EU berechnet, dass allein durch teurere öffentliche Beschaffung ein jährlicher Schaden von 5 Milliarden Euro entsteht, der indirekte Schaden könnte sogar bis zu 990 Milliarden Euro hoch sein.

Der Korruptionsindex von Transparency International.

Die Effekte auf das Wirtschaftswachstum scheinen sich laut ifo-Studie vor allem aus zwei Faktoren zu ergeben: fehlende Investitionen von ausländischen Firmen und eine dadurch angeheizte Inflation. Kurz: Betriebe, die es sich aussuchen können, investieren lieber in Ländern, in denen sie sich darauf verlassen können, dass die Spielregeln gleich bleiben. „Zudem zeigt sich eine negative Korrelation zwischen Korruption und der Inflationsrate, die darauf hindeuten könnte, dass Länder mit höherer Korruption tendenziell wirtschaftlich instabiler sind.“

Auch das Vertrauen in die Demokratie leidet

Korruption ist kein opferloser Vorgang, es trifft auch nicht nur einzelne Firmen, die Aufträge nicht bekommen oder die Nachbar:innen, die ihre Gartenhütte nach einem kurzen Termin am Gemeindeamt doch bauen dürfen. Korruption kostet allen etwas. Fehlende Investitionen aus dem Ausland führen zu weniger Arbeitsplätzen, Inflation zu mehr Armut.

Korruptionsbekämpfung hat laut der ifo-Studie positive Impulse auf die Wirtschaft – das ist aber nicht alles. Es hat auch Effekte darauf, wie Bürger:innen die Politik im Land wahrnehmen. Transparency International hat rund 40.000 Europäer:innen zur Korruption befragt:

  • 29 Prozent der österreichischen Befragten glauben, dass sie hierzulande in den letzten zwölf Monaten schlimmer geworden ist.
  • Mehr als die Hälfte (55%) glaubt, dass die Regierung die Interessen großer Firmen vertritt, nicht die der Bürger:innen.
  • Mitglieder des Parlaments (28%), Firmenchefs (25%), Bankiers (23%) und Regierungsmitglieder (23%) zählen zu den Institutionen, denen EU-Bürger:innen am häufigsten Käuflichkeit zutrauen.
  • 40 Prozent der Österreicher:innen haben persönliche Kontakte ausgenutzt – damit gehört Österreich den EU-Staaten mit den höchsten Werten.
  • 9 Prozent der Österreicher:innen hat in Österreich in den letzten 12 Monaten sogar zumindest einmal bestochen – dreimal so oft wie in Deutschland und Italien. ITALIEN!

Die Zahlen zeigen, wie sehr Korruption das Bild der Politik in Österreich prägt und zu Vertrauensverlust führt – nicht nur bei den Bürger:innen, sondern auch bei internationalen Unternehmen, die vermehrt Wert auf Anti-Korruption legen. Genau die Unternehmen, die das Wirtschaftswachstum korrupter Länder negativ beeinflussen.

  • Der Mitinitiator des Anti-Korruptionsvolksbegehrens Michael Ikrath hat bei der Startpräsentation genau das benannt. Die internationale Staatengemeinschaft habe die Themen „Bekämpfung von Korruption, Geldwäsche, Intransparenz in der öffentlichen Auftragsvergabe ganz oben auf der Agenda“. Das führe auch zu strengen Regeln für investitionsstarke Unternehmen, so Ikrath. „Diesen Unternehmen wird es zunehmend untersagt in Länder zu investieren, die über eine sehr laxe Gesetzgebung verfügen.“
  • Anti-Korruptionsexperte Martin Kreutner verweist im Gespräch mit ResPublica auf strenge nationale Gesetze wie den britischen „Bribery Act“ (2010), französische Gesetze (2016/17) und eigene ISO-Standards (2014/21) für Unternehmen.

„Die Bekämpfung der Korruption ermöglicht positive Wachstumsimpulse, eine Stärkung der Demokratie und der politischen Institutionen und beugt korrupten Handlungen vor“, bewerten die Studienautoren jede Anti-Korruptionsmaßnahme positiv.