Ein Spaziergang auf den Spuren der Revolution 1848

Die Geschichten über Wien im März 1848 und das folgende Revolutionsjahr sind voll mit Persönlichkeiten, die aus einem Hollywood-Film stammen könnten. Trotzdem werden sie selten erzählt. Grund genug für uns das zu ändern – am Jahrestag der Revolution, dem 13. März 1848, bei einem kurzen Spaziergang an vier Schauplätzen.

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Foto: Museum Wien (CC0)

Die Demokratie­stiftung

[Advertorial]: Dieser Beitrag ist in einer Kooperation zwischen dem Gründungsverein der Österreichischen Demokratiestiftung und ResPublica entstanden. Für den Inhalt ist die Stiftung verantwortlich.

Aufgrund der Pandemiesituation nicht physisch, sondern online.
Mit Karte und Soundfiles zum Download zum Nachspazieren.

„Willkommen zu unserer Führung. Ich bin Ihr Guide: Eugene Quinn“

Eugene ist Guide in Wien und hat uns schon beim Verfassungsspaziergang am 1. Oktober 2020 wunderbar durch die Stadt geführt. Ein Porträt über ihn finden Sie hier.

Viele Menschen, die in der damaligen Gesellschaft nicht besonders mächtig waren, kämpften für die Freiheit. Schuster, Tischler und Wäscherinnen waren dabei. Ganz normale Leute gingen gemeinsam auf die Straße und forderten ein Ende der Unterdrückung durch den Kaiser. Sie wollten eine echte Bürgervertretung, also ein Parlament, eine freie Presse und eine Verfassung — also ein Gesetz, nach dem sie als Bürger:innen gewisse Rechte und Freiheiten hatten. Im Kampf dafür starben am 13. März 1848 schließlich 35 Menschen. Manche wurden von Soldaten erschossen, andere in der Menschenmenge erdrückt.

Wer weiß, ob sie gewusst haben, dass ihre Träume viele Jahre später wahr werden sollten. Was wohl die Revolutionär:innen von damals gesagt hätten, wenn ihnen kurz vor ihrer Erschießung wer zugeflüstert hätte: “In 170 Jahren sind die Menschen so frei, dass ihnen fast langweilig damit ist.”

„Vor dem Burgtor widersetzte sich am 13. März 1848 der Oberfeuerwerker Johann Pollet mit Gefahr seines eigenen Lebens, dem Befehle die Kanonen gegen die Volksmenge abzufeuern.“

Vielleicht hätte sich auch der Oberfeuerwerker Johann Pollet gewundert, der sich damals geweigert hat, auf das vor der Hofburg protestierende Volk zu schießen, obwohl es der Erzherzog ihm befahl. Heute erklären Wissenschaftler, dass Pollet den Befehl nur verweigerte, weil der Erzherzog nicht sein Vorgesetzter war. Doch wusste nur der Feuerwerksmeister selbst, was er sich dabei gedacht hat. Auf dem Michaelerplatz gibt es jedenfalls einen Gedenkstein, der an ihn erinnert.

Der Oberfeuerwerker Johann Pollet weigert sich, auf das Volk zu schießen
(Sammlung Wien Museum, CC0; Verleger: Franz Werner)

Damit ihre Geschichten nicht nur auf Steinen stehen, haben wir Expert:innen gebeten, uns von den Revolutionär:innen zu erzählen. Sie erklären auch, warum die Märzrevolution von 1848 so wichtig für unsere Demokratie war. Bitte begleiten Sie uns auf einen digitalen Märzspaziergang.

Station 1: Vor dem Landhaus

Der Aufstand in der Herrengasse

„Das niederösterreichische Landhaus war 1848 der Versammlungsort der Landtagsabgeordneten.“

Den Anfang macht Marie Therese Mundsperger, Universitätsassistentin am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte in der Wiener Herrengasse Nummer 13, wo alles begann.

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Die Videos machte übrigens alle Matteo Sanders und Team. Danke dafür!

Drinnen im heutigen Palais Niederösterreich trafen sich die Abgeordneten zum Landtag, wichtige Menschen mit Geld und einem guten Leben. Im Hof stand auf einem zugedeckten Brunnen ein junger Arzt namens Adolf Fischhof und hielt eine flammende Rede.

Der junge Arzt Adolf Fischhof bei seiner Rede im Hof des Landhauses
(Sammlung Wien Museum, CC0; Unbekannt)

Der junge Fischhof soll dort damals unter anderem laut gerufen haben:

„Wir haben heute eine ernste Mission zu erfüllen. Es gilt, ein Herz zu fassen, entschlossen zu sein und mutig auszuharren. Wer an diesem Tag keinen Mut hat, gehört in die politische Kinderstube.“

Adolf Fischhof

Und weiter: (…) Eine übel beratene Staatskunst hat die Völker Österreichs auseinandergehalten, sie müssen sich jetzt brüderlich zusammenfinden und ihre Kräfte durch Vereinigung erhöhen.“ Kurz gesagt: Zusammen sind wir stark. Die Revolution damals vereinte viele Menschen, die politisch sonst nicht viel gemeinsam hatten. Linke, Rechte und Leute aus der politischen Mitte wehrten sich gemeinsam gegen die Monarchie. Darum ist diese Revolution auch heute noch für politische Gruppierungen ein wichtiger Teil ihrer Geschichte.

Die Station 1 „Herrengasse“ als Audio-Datei für via Soundcloud:

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Station 2: Im Volksgarten

Die Versammlung des Demokratischen Frauenvereins

„Eine wichtige Rolle spielten bei der Revolution 1848 auch die Frauen.“

Begleiten Sie uns ein Stück weiter, vom Michaelerplatz in den Volksgarten, wo wieder ein unauffälliger Stein an große Persönlichkeiten — die Frauen des Revolutionsjahres — erinnert.

Die österreichische Geschichtswissenschafterin und Expertin für Frauen- und Geschlechtergeschichte Gabriella Hauch führt uns hier durch die Gründung des ersten Frauenvereins im August 1848.

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Station 3: Universität Wien

Wo Studierende in ihrer Petition die Grundrechte einforderten

Nun gehen wir ein paar Schritte den Ring entlang und treffen die Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze im Arkadenhof der Universität Wien. Sie beantwortet die Frage, was von der Revolution bis heute übriggeblieben ist.

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Station 4: Kriegsministerium am Hof

Wo der Kriegsminister Latour an einer Laterne gelyncht wurde

„Was heute ein Hotel ist, war früher das Kriegsministerium der Monarchie.“

Bisher haben wir viel über die Revolutionär:innen und ihre Schicksale gehört und noch wenig davon, was mit den Beamt:innen der Monarchie geschah. Sicher waren die Menschen damals sehr wütend auf jene, die ihnen keine Freiheit gaben.

Josef Barth, einer der Initiator:innen der Österreichischen Demokratiestiftung wartet vor dem ehemaligen Kriegsministerium (dem heutigen Park Hyatt-Hotel) Am Hof auf uns und erklärt, wie es dazu kam, dass im Oktober 1848 ein toter Kriegsminister von einem Laternenmast baumelte und man einen deutscher Abgeordneten namens Robert Blum in Wien hinrichtete.

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Zum Anhören Die Station 4 „Kriegsministerium Am Hof“ als Audio-Datei für via Soundcloud:

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Nachdem also die Revolution in Wien niedergeschlagen war und das Kaiserhaus vorerst die Kontrolle zurückerobert hatte, wurden einige Anführer der Revolution zum Tode verurteilt und hingerichtet. Von ihnen erzählen einige Lieder, wie etwa das vor allem in Deutschland bekanntere Robert-Blum-Lied oder Was zieht dort zur Brigittenau im blutigen Morgenrot über den Tod die Hinrichtung des deutschen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung durch den Kaiser in Wien.

Was zieht dort zur Brigittenau
Im blut´gen Morgenrot?
Das sind die kroatischen Jäger
Die führen den Fahnenträger
Der Freiheit hin zum Tod.

Sie haben ihn gefangen
Trotz Recht und Reichsgesetz
Es hat ihm das Urteil gesprochen
Es hat ihm den Stab gebrochen
Der Mörder Windischgrätz.

Zum Richtplatz sie ihn führen
Ihn schreckt nicht Tod noch Grab;
Doch als er denkt der Lieben
Die ihm daheim sind geblieben
Fällt still eine Träne herab.

Die Träne für Weib und Kinder
Entehret keinen Mann
Lebet wohl! Jetzt gilt es zu sterben
Für die Freiheit Herzen zu werben
Ihr Jäger, wohlauf, schlagt an!

Er schlingt sich selbst die Binde
Wohl um der Augen Licht:
0 du Deutschland, für das ich gestritten
Für das ich im Leben gelitten
Verlaß die Freiheit nicht.

Er schlingt sich selbst die Binde
Wohl um der Augen Licht:
0 du Deutschland, für das ich gestritten
Für das ich im Leben gelitten
Verlaß die Freiheit nicht.

Es krachen die Gewehre
Im Blute liegt der Held
Es haben die Büchsen der Jäger
Der Freiheit Fahnenträger
Den Robert Blum gefällt.

Der Fähnrich ist erschlagen,
Es fiel der Robert Blum.
Auf Brüder, die Fahne zu retten
Der Freiheit aus Banden und Ketten
Zu Deutschlands Eigentum!

Zum Publizisten Hermann Jellinek ist außerdem überliefert, dass er während seiner Verhandlung den Richtern derartig auf die Nerven ging, dass für diese eine Schonung des jungen Revolutionärs nicht in Frage kam. Obwohl man versuchte, ihn dazu zu bringen, sich gegen die Forderungen der Revolution auszusprechen, blieb er standhaft. “Ideen können nicht erschossen werden”, schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Er sollte damit recht behalten.

Das waren also einige Schauplätze des Revolutionsjahres 1848.

Wer in Wien aufmerksam durch die Straßen des 15. Bezirks geht, wird in den Straßennamen weitere Spuren der Ereignisse damals finden. Vor der Stadthalle, wo einst das Massengrab der Märztoten war, liegt jetzt der Märzpark.

Geht man die Märzstraße entlang und dann ein Stück weiter, stößt man auf Gassen und Wege, die allesamt Namen der Toten von damals tragen:

Die Kohlesgasse, benannt nach dem Nagelschmied Johann Kohles. Er war 34 Jahre alt.

Der Reiningerweg, trägt den Namen des Bindergesellen Franz Reininger, damals 19 Jahre alt.

Die Schamborgasse, benannt nach den Schwestern Rosina Schambor, die Dienstmagd war und Margarete Schambor, einer Wäscherin. Sie starben im Alter von 26 und 30 Jahren.

Viele weitere Gassen in der Gegend tragen die Namen toter Revolutionäre. An andere erinnern Gräber und ein Obelisk aus Mauthausner Granit am Wiener Zentralfriedhof. „13. März 1848“ ist in den Stein, der in einer Ecke des riesigen Friedhofs, weit weg von den Ehrengräbern steht, eingemeißelt. Sonst nichts.

“…mit allen Mitteln versucht,

die Revolution mundtot zu machen.“

Wolfgang Häusler, Historiker

Warum die Geschichten der Frauen und Männer von damals so wenig bekannt sind, erklärt Wolfgang Häusler, Östereichs führender Experte für das Jahr 1848, in einem Interview mit der APA 2017: Nachdem die Wiener Oktoberrevolution, bei der insgesamt 3.000 bis 4.000 Menschen starben, niedergeschlagen war, war das Kaiserhaus gnadenlos. Etwa 70 Menschen wurden in Österreich hingerichtet, 120 in Ungarn. Die Habsburger hatten “mit allen Mitteln versucht, die Revolution mundtot zu machen“, so Häusler. Damit waren sie erfolgreich.

Ein Grund dafür, warum wir so wenig über das Revolutionsjahr wissen, ist also, dass der Kaiser damals nicht wollte, dass wir heute davon erfahren.

Tja, um aber den Kaiser am Ende doch nicht gewinnen zu lassen, haben wir Sie auf diesen Spaziergang mitgenommen. Auch in Zukunft werden wir uns bei der Österreichischen Demokratiestiftung mit unserer Demokratiegeschichte beschäftigen.

Danke & bis zum nächsten Mal.

Eugene Quinn

Wir freuen uns, wenn Sie uns dabei weiterhin begleiten.