7 Auswirkungen von Sozialen Medien auf Demokratien

Der Politikwissenschafter Michael Bang Petersen berät die dänischen Regierung während der Corona-Pandemie. Ein Briefing über Soziale Medien und Demokratie vor dem dänischen Parlament macht Petersen jetzt unter anderem auf Twitter öffentlich. Die Take-Aways.

Der Politikologe Michael Bang Petersen, der die dänische Regierung während der Corona-Pandemie berät, hat dem dänischen Parlament berichtet, welche Effekte Soziale Medien auf den Umgang innerhalb einer Demokratie haben. Petersen spricht dabei keine rein dänischen Probleme an, seine Analyse lassen sich auch auf Österreich umlegen. Petersen stützte sich in seinem Vortrag auf internationale Erhebungen.

Die wichtigsten Punkte fasst er auf Twitter zusammen:

  1. Wir haben ein Problem: Bürger:innen finden Debatten auf sozialen Plattformen unangenehm und hasserfüllt. Das führt dazu, dass sich viele zurückhalten und von politischen Diskussionen fern bleiben. Bürger:innen, die sich aus Online-Diskussionen zurückziehen, polarisieren sich zwar weniger, bekommen deshalb aber auch weniger Informationen mit. Politiker:innen über soziale Medien vor allem angegriffen und bedroht.
  2. Desinformation hat nur geringe Effekte: Laut Petersen belegen Untersuchungen, dass Falsch-Informationen nur einen kleinen Effekt hätten, da sie von wenig Personen geteilt würden. Bürger:innen, die Desinformationen teilen, haben tendenziell negativere Gefühle gegenüber politisch Andersdenkenden.
  3. Menschen teilen, was zu ihrem Weltbild passt: Dadurch wird das Gesamtbild verzerrt – unabhängig davon, ob die Nachrichten wahr oder falsch sind. In dieser Voreingenommenheit sieht Petersen das eigentliche Problem. Und: Das Problem sei nicht die digitale Bildung (um Fake News zu erkennen), sondern eine fehlende demokratische Bildung.
  4. Soziale Medien schaffen den Hass nicht: Soziale Medien machen aus gemäßigten keine hasserfüllten Bürger:innen. Sie motivieren aber wütende Bürger:innen darüber zu diskutieren, was sie aufregt. So nimmt eine relativ geringe Zahl mehr Raum ein. Diese Erkenntnis bedeutet auch, dass das negative Klima online von Frustrationen im echten Leben ausgelöst werden – Lösungen müssen laut Petersen auch dort angeboten werden: „Es erfordert einen echten gesellschaftlichen Wandel.“
  5. Echokammern existieren vor allem offline: Nur eine kleine Gruppe marginalisierter Personen würde sich online eine Echokammer schaffen, so Petersen. Die wahren Echokammern seien offline. „Soziale Medien werden als gewalttätig empfunden, weil wir „die Anderen“ sehen – und es wird vor allem das Hasserfüllte sein, das wir sehen“, so der Forscher. Das erzeuge ein falsches, extremeres Bild von politisch Andersdenkenden. Das hat negative Effekte wie fehlende Toleranz.
  6. Schutz vor Hass muss kurzfristig Priorität haben: Petersen verweist auf zwei amerikanische Studien, aus denen hervorgeht, dass Menschen, die vielen negativen Inhalten ausgesetzt sind, Unzufriedenheit mit sich bis hin zum Selbsthass entwickeln können. Wichtig sei deshalb der Schutz dieser Menschen. Kurzfristig sei ein Abschirmen von negativen Inhalten, um problematische Inhalte nicht zu verbreiten, wichtiger als das Verhalten der negativ Kommentierenden zu ändern.
  7. Für Politiker:innen ein Fenster und ein Werkzeug: In seinem Vortrag erklärt Petersen, dass Politiker:innen soziale Netzwerke als Fenster nutzen sollten, um mehr über die frustrierteste Gruppe der Bürger:innen zu lernen. Politisch aktive Bürger:innen sollten soziale Netzwerke wiederum dafür nutzen, um Unterstützer:innen und Gegner:innen aktiv zu erreichen.

Aus seinem Vortrag hat Petersen auch vier Aufträge an die Politik entwickelt:

  1. Aufsicht und Zugang zu Daten ist notwendig: „Wir können Probleme nur lösen, wenn wir eine korrekte Problemdiagnose haben“, meint Petersen. Dazu brauchen unabhängige Stellen Zugang zu den Daten und Algorithmen der Tech-Giganten.
  2. Werkzeuge, um problematische Personen zu trennen: Nutzer:innen müssen sehen, dass sich gutes Verhalten auf Plattformen lohnt und schlechtes Verhalten sanktioniert wird. Dabei helfen Funktionen wie Sperren und Melden. Ziel muss es sein, Wege zu entwickeln, sich vor Personen mit problematischem Verhalten zu schützen.
  3. Der Fokus sollte auf demokratischer Bildung liegen: „Die Herausforderungen betreffen weniger die sozialen Medien als vielmehr die allgemeinen Ansichten der Menschen zur Gesellschaft“, schreibt Petersen. Digitale Bildung kann hier nicht helfen, demokratische Bildung schon.
  4. Wer Hass im Netz bekämpfen will, muss es offline tun: Wenn es Politiker:innen schaffen, die Frustrationen der Leute zu mindern, werden sie ihre Frustration auch nicht online verbreiten. Es liege an der Politik das zu tun, ist die letzte Botschaft des Politikwissenschafters.