10 Dinge, die Polit-Neulinge beachten sollten

Bei jeder Wahl versucht die eine oder andere Partei mit Polit-Neulingen zu punkten. Wir haben einige Punkte gesammelt, die es zu beachten gilt.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich in unserem Vorgänger-Magazin Politikmagazin.at veröffentlicht. Bitte beachten Sie das Datum.

Bei den Grünen gibt es sie dieses Jahr mit der Journalistin Sibylle Hamann oder Global-2000-Geschäftsführerin Leonore Gewessler, bei der ÖVP gab es sie im Wahlkampf 2017 mit der Sportlerin Kira Grünberg und anderen: Polit-Einsteigerinnen – manche mehr, manche weniger quer. Ob ehemalige Journalistin, Sportlerin oder mit Roland Düringer ein Kabarettist, es gibt einiges zu beachten und Fehler zu vermeiden. Wir haben zehn Dinge gesammelt.

1. Sie sollten für etwas stehen

Eigentlich eine Minimalanforderung – denn Politikerinnen und Politiker sollten schon naturgemäß für etwas stehen – aber bisherige Erfahrungen zeigen, dass es offenbar extra erwähnt werden muss. Und: Sie sollten nicht nur darüber reden (viel darüber reden!), sondern vor allem entsprechend handeln (und eben nicht nur darüber reden!). Wählerinnen und Wähler müssen Sie mit diesen Werten und Themen identifizieren können. Mathias Strolz machte Chancen und Bildung zu “seinem Thema” und sprach gern vom “Flügel heben”. Frank Stronach versuchte sich (neben vielen Verirrungen) als Mann aus der Wirtschaft zu positionieren; sein Millionenunternehmen half ihm bei der Credibility. Und Roland Düringer? Der Gründer der Liste Gilt probierte es kurzerhand ohne Wahlprogramm – und scheiterte am Einzug in den Nationalrat.

2. Sie sollten eine Vision haben

Vom ehemaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky wird gern das On-Dit überliefert „Wer Visionen hat, braucht einen Arzt.“ (Der bestreitet die Urheberschaft, und nach einigen Diskussionen stellte sich heraus, es soll von Rudolf Burger stammen.) Die Diskussion zeigt, wie aufgeladen man um Visionen in der Politik diskutieren kann.

Eine Vision ist die Ideenskizze einer Umsetzung der definierten Werte. Regina Maria Jankowitsch beschreibt sie in ihrem Buch “Ich trete an!” von 2005 so:

“Menschen gehen in die Politik, weil sie ein spezielles persönliches Anliegen haben. Da wollen sie mitarbeiten, da wollen sie Veränderung herbeibringen, da wollen sie ihren Stempel draufsetzen.”

Regina Maria Jankowitsch in „Ich trete an!“ (2005)

Wer in die Politik geht, sollte etwas erreichen wollen. Ein Ziel haben. Und einen Plan, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Eine Vision muss Wählerinnen und Wähler inspirieren können und der Weg dorthin sollte sie motivieren. Dafür muss die Quereinsteigerin oder der Quereinsteiger auch authentisch wirken. Wessen persönliches Thema Gesundheit ist, wird schnell unglaubwürdig, wenn er oder sie gegen das Rauchverbot argumentiert. Schlag‘ nach bei Beate Hartinger-Klein…

3. Bilder, Bilder, Bilder

Bilder sind wichtig. Ohne sie lässt sich heutzutage kaum noch Politik machen. In den sozialen Medien schon gar nicht. Auf Facebook werden Bilder und Videos vom Algorithmus bevorzugt. Auf Instagram sind sie die Sache selbst. Aber auch außerhalb der sozialen Medien brauchen Politikerinnen und Politiker gute Bilder, am liebsten von eigenen Fotografinnen und Fotografen. Sie transportieren die gewünschte Botschaft und werden (immer noch) oft von Medien übernommen. Damit wird die Botschaft so weiter verbreitet, wie sie verbreitet werden soll – und umgeht damit bis zu einem gewissen Grad den  journalistischen Filter.

Aber nicht nur gute Bilder verbreiten sich, auch schlechte bleiben im Gedächtnis. SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner hat zum Beispiel immer noch mit ihrem Interview in der “Zeit im Bild 2” zu kämpfen. Damals stand sie im Dunkeln und hielt das Mikrofon unvorteilhaft in beiden Händen. Zusammen mit dem Narrativ des bedauernswerten Zustand der SPÖ ein gefundenes Fressen für Satireseiten wie „Die Tagespresse“:

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4. Sie sollten nicht nur der prominente Quereinsteiger sein

Es passiert immer wieder, dass prominente Quereinsteiger medienwirksam vorgestellt werden, nur um dann nach der Wahl zu verschwinden. (Armin Wolf hat seine Dissertationsarbeit zu dem Thema Quereinsteiger geschrieben. Eine kurze Version drauf gibt es auf seinem Blog.) Das prominenteste Beispiel der letzten Jahre ist hier wohl Kira Grünberg. Die ehemalige Stabhochspringerin, die seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, wurde 2017 als ÖVP-Kandidatin präsentiert. Danach wurde es still um sie. Als Behindertensprecherin der ÖVP konnte sie nie wirklich in Erscheinung treten. Das verhinderte de facto schon ihr „Pressesprecher“: Der Standard schildert in einem Artikel, wie es nicht möglich war, mit ihr über Inhalte zu reden.

5. Einen Vertrauten haben

Man kann in der Politik-Bubble schnell den Überblick verlieren. Interne Diskussionen und Wortgefechte mit anderen Parteien vernebeln plötzlich die Sicht auf Dinge, wie sie jeder halbwegs informierte Außenstehende hätte. Um zu wissen, was von der Kommunikation überhaupt beim Durchschnittsmenschen ankommt, sollten Quereinsteiger eine Vertraute oder einen Vertrauten haben. Jemand, der außerhalb ihrer eigenen Politik- und Medienbubble ist, und sich aber dennoch genug mit Politik beschäftigt, um zu wissen was los ist – aber sich den Blick von außen bewahren konnte. So kann man das eigene Bild von der Situation vervollständigen, das Big Picture sehen – und den sich daraus ergebenden Handlungsspielraum optimal nutzen. (Und um sich mal alles von der Seele zu reden, ohne dass es den Partner belastet oder man unter Parteifreunden und -gegnern gleich als schwach gilt, hilft es auch…)

6. Eine To-Do-Liste – samt jemandem, der sie erledigt

Natürlich können Politikerinnen und Politiker auch alles Organisatorische selbst erledigen. Doch das kostet Zeit und Ressourcen, die anders besser investiert sind. Sonst wären sie nicht als QuereinsteigerIn geholt worden.

7. Jemanden, der Facebook, Instagram und Co. versteht

Vielleicht kann man in der Kommunalpolitik noch ohne Social-Media bestehen. In jeder Ebene darüber lässt man mit Sicherheit ein riesiges Potenzial aus: Facebook, Instagram und Twitter sind die direkten Wege zu Wählerinnen und Wählern; und die Chance, dass Unterstützerinnen und Unterstützer die eigenen Inhalte an ihre Netzwerk verteilen. Social Media hilft dabei auch als Monitoring-Tool (was ist resonanzfähig?) und Frühwarnsystem (was kommt da auf mich/uns zu?). Deshalb sollten auch Quereinsteiger Social-Media professionell betreuen – egal ob selbst oder mit naher Unterstützung. Wie wichtig Facebook ist, zeigt auch der Streit um Heinz-Christian Straches Facebook-Seite: Nach dessen Rücktritt wollte die FPÖ die Kontrolle über die Seite mit immerhin 800.000 Nutzerinnen und Nutzern.

8. Eine gute Kontakt-Datenbank

Manchmal reicht es schon im richtigen Moment die richtige Telefonnummer zu haben. (Immerhin werden Lobbyisten manchmal sogar dafür bezahlt.) Politikerinnen und Politiker sollten immer wissen, wen sie bei welchem Thema anrufen können – und worauf und wie sie denjenigen ansprechen können, um ihre Sache erledigt zu kriegen. Eine gute Datenbank, die über Telefonnummer und Email-Adresse hinausgeht, macht da Sinn: Spezialgebiete und Standpunkte der Person zu den wichtigsten Themen sollten dabei langsam zum Standard gehören. 

9. Die eigene Partei kennen

…oder jemanden haben, der sie kennt. Konflikte gibt es nicht nur außerhalb einer Partei, sondern auch innerhalb. Der Streit der Grünen mit der eigenen Jugendorganisation 2017 hat genauso für mediales Aufsehen gesorgt, wie die Flügeldiskussionen und Faktionensbildungen innerhalb der SPÖ (versuchen Sie einfach selbst nachzuzählen).

Kurz: Man sollte einfach wissen, wo es Konfliktpotential geben könnte. Dann kann man immer noch entscheiden, ob man da mitten rein geht – oder nicht in jedem Kampf auf einer Seite stehen muss.

10. Die eigene Storyline

Und ganz wichtig: Politikerinnen und Politiker brauchen eine eigene Geschichte, die sie erzählen können. Sie dürfen dabei ruhig auf persönliche Erfolge verweisen, solange sie nicht – ja, schmaler Grat! – zu oft auf persönliche Erfolge verweisen. Eine gute Geschichte macht klar wo jemand steht, macht anschlussfähig – und macht im besten Fall unverwechselbar. Beispiel: Balkanroute. Unweigerlich verbindet man das Wort mit Sebastian Kurz, so oft hat er die Geschichte erzählt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die eigene Storyline hat die US-Demokratin MJ Hegar geliefert. Die Army-Veteranin hat 2018 mit einem Werbespot für Aufsehen gesorgt, in dem sie nichts anderes gemacht hat, als ihre Geschichte zu erzählen. Und nach drei Minuten und dreißig Sekunden ist es schwer zu vergessen, wofür diese Politikerin steht – und kämpfte.